Der Feind der auch noch den Pfand mitnimmt

Er kommt ganz unverhofft. In der Nacht. Durch den Nebel. Angeschlichen leiser als ein Ninja. Kein Sicherheitssystem kann ihn stoppen. Er wird deine Tür aufbrechen. Er wird deine Küche finden. Und dann wird er deinen Kühlschrank mit Bier füllen. Am Ende – haltet euch fest – nimmt er deinen Pfand mit. Was für Monster?!

Oder so ähnlich.

An sich kann man das Zeitfenster für die Lieferung ja frei wählen und muss es gar nicht mitten in die Nacht legen. Man bekommt sogar eine E-Mail, wenn der Fahrer auf dem Weg zu einem ist. Sie sind der nächste Stopp. Und dann bringt er es einem auch noch hoch und nimmt den Pfand mit. Das schlimmste an der ganzen Sache ist: Du hast es selbst bestellt.

Natürlich ist es fantastisch, dass man beim Einkaufen nicht mehr selbst den schweren Selters Kasten schleppen muss. Oder sich wieder einmal ärgert, den Pfand vergessen zu haben. Das macht jetzt der nette Fahrer vom Lieferdienst. Hoch bis in den vierten Stock sogar. Und es soll jetzt auch nicht darum gehen, dass die armen Leute zu schlecht bezahlt werden und sich den Rücken mit dem ganzen Heben kaputt machen. Nein, es soll viel mehr darum gehen, warum wir es uns nach Hause liefern lassen.

Seid ehrlich, habt ihr euch nicht auch erwischt beim Gedanken: Ich bin eh zuhause und darf nicht rausgehen. Dann kann ich auch ein Bier / Wein trinken. Was soll’s? Christopher Hitchens sagte zwar, dass der Drink den man alleine nimmt der vielleicht beste ist; aber ob man sein Leben auf diese Philosophie aufbauen sollte, weiß ich nicht wirklich. (Doch weiß ich: ist es nicht. Macht vielleicht das Leben kurzzeitig farbiger, aber mehr auch nicht.) Das eigentliche Problem hier ist, dass man sich den Alkohol schweißlos in die Wohnung liefern lassen kann – und im Lockdown keinen Grund hat, ihn nicht zu trinken.

Auch auch bin auf Party Entzug. Vor dem großen C war ich zwar nicht jedes Wochenende im Berghain, aber hin und wieder in eine Bar oder einen Club gegangen mit Freunden bin ich schon. Viel zu viel Geld für einen viel zu schwachen Gin Tonic bezahlen, an irgendwas ekligem am Boden mit dem Schuh kleben bleiben, kläglich beim Flirten scheitern und dann alleine nach Hause gehen. Ich vermisse es! Genau wie ihr. Entweder vom Blues getrieben, aus Frust oder reiner Langeweile genehmigt man sich dann ein Schlückchen. Ist ja auch nichts falsches damit.

Stimmt auch.

Bis man die ganze Sache am nächsten Abend wiederholt. Und vielleicht auch am Abend danach. Dann ist es ja auch schon Freitag und es ist ok zu trinken. Oder nicht? Gewohnheiten setzen sich schnell fest. Bevor man es sich versieht, trinkt man jeden Abend und steigert sich nur noch. Aus einem Bier werden zwei und dann drei. Und dann kommt vielleicht noch ein Schuss Wodka dazu, weil man vom Bier so viel pissen muss. Es ist nicht kompliziert. Im Gegenteil. Es ist viel zu einfach.

Lasst es mich klar sagen: Es ist keine Schande, dass einem sowas passiert. Oder dass man darüber spricht. Es ist nur eine Schande, wenn man es verdrängen, vergessen und leugnen will.

An meinem Tiefpunkt gab es Wodka zum Frühstück. Damit es gesund ist mit Multivitaminsaft, aber ich glaube nicht, dass es das Ruder rumgerissen hat. Ich hab mich nicht jeden Tag betrunken, so war es nicht. Ich hatte mich immer unter Kontrolle, aber ein wenig hatte ich für ein paar Wochen wahrscheinlich immer im Blut gehabt. Warum bin ich nicht tief gesunken und war den ganzen Tag shitfaced? Keine Ahnung. Warum hab ich aufgehört? Der Alkohol war alle und der Stapel für den Glascontainer war beängstigend / beschämend hoch. Das hat mich dann rausgeworfen aus dem Zyklus.

Nein, hier geht es nicht gegen Lieferdienste. Sie sind nicht der Grund für diese scheiß Situation. Sie machen es zwar einfacher, aber sie trifft – selbstverständlich! – keine Schuld. Es liegt – selbstverständlich! – nur an uns, wie wir uns verhalten. Niemand kann uns diese Bürde abnehmen. Oder sollte es. Am Ende habe ich auch nicht wirklich ein morales Gebot, das ich austeilen will. Ich hab seitdem oft bei Lieferdiensten bestellt. Und auch ein Bier alleine getrunken. Nichts falsch damit.

Es geht mehr darum, dass wir aufpassen müssen. Warum bestelle ich mir den Kasten gerade? Weil demnächst Freunde vorbeikommen? Ist die Speisekammer leer und du magst sie einfach gefüllt? Oder weil du am Abend ohne nicht mehr kannst? Es geht nicht um einen Fingerzeig oder um Schuldzuweisungen. Lediglich eine Erinnerung, dass wir uns immer im Auge behalten und hinterfragen müssen. Sonst läuft uns das Leben weg und wenn wir es bemerken, kann es vielleicht schon zu spät sein.


Wer Langeweile hat […] macht meiner Meinung nach in seinem Leben etwas verkehrt.

felixkusch zum Beitrag Warum einen Blog schreiben?

Ich stimme dieser Aussage nur teilweise zu. Natürlich gibt es auf dieser Welt so vieles zu tun und entdecken; und unsere Zeit auf diesem Planet ist so begrenzt, dass Langeweile als dreiste Verschwendung von Zeit und Potential angesehen werden kann. Sollten wir uns deshalb schämen oder wie angestochen aufspringen und in hastige Aktivität explodieren, wenn wir auch nur den Anflug von Langeweile verspüren?

Ich denke eher nicht. Langeweile für sich alleine ist doch nicht schlimm. Sie zeigt uns nur, dass wir Raum in unserem Leben für mehr haben. Was dieses mehr dann ist, das können wir frei wählen. Oder auch nicht. Wer kennt es nicht: man kommt von einem langen Arbeitstag nach Hause und will nichts anderes tun, als die Füße hochlegen und an nichts denken. Rein gar nichts. Und es fühlt sich herrlich an. Hat man dann in seinem Leben etwas falsch gemacht, nur weil man Langeweile zur Entspannung nutzt?

Wenn man jeden freien Abend so verbringt, ja dann wäre etwas falsch. Dann sollte einem einer mal in den Arsch treten, wenn man es selbst nicht schafft. Vergammelte Tage sind zwar schön, aber nur in Maßen. Wie doch eigentlich alles im Leben. Ich würde auch nicht gerne jede Minute des Tag mit Aktivität vollstopfen. Irgendwann muss man auch einfach mal an die Decke schauen und den Fliegen zusehen.

[…] Sich ernsthaft bemühen im Sinne von Literatur zu schreiben, das mag kein reiner Zeitvertreib im Sinne entfremdeter Sozialisation, also nur ein Totschlagen der in unserer Gesellschaft immanent gemachten LANGEWEILE sein.

felixkusch zum Beitrag Warum einen Blog schreiben?

Warum denn nicht? Ich finde, es ist nichts falsches daran etwas zu tun, einfach weil man es tun will. Ich stelle keine literarischen Ansprüche an diesen Blog. Das können andere an ihre Arbeit gerne tun, aber ich mache es aus reinem Spaß an der Freude. (Meine literarischen Ansprüche verfliegen eh immer, sobald ich einen Absatz von Hemingway lese. Wenn es einer schon perfekt gemacht hat, warum dann noch versuchen?) Ich mag das Schreiben. Und mein Spaß verfliegt, sobald ich eine Erwartungshaltung annehme, die ich dann in jedem Satz erfüllen will / muss. Der Satz mit Hemingway eben war nicht gerade schön. Beim nächsten Mal will ich ihn besser machen. Aber mit einer Erwartungshaltung würde ich ihn jetzt wahrscheinlich rausstreichen, den Laptop ausmachen und den nächsten Post nicht fertig schreiben.

Ich mache lieber etwas nicht perfekt, als Perfekt sein zu wollen und es dann nicht zu tun. Das heißt nicht, dass ich nicht besser werden will. Aber ich will jeden Schritt nehmen, so wie er kommt.

Danke für deinen Kommentar lieber felixkusch, er hat mich zum Nachdenken angeregt und darum soll es ja hier gehen.

Cheers

Euer barista

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: