Alle mit mir: Wen juckt’s?

Ich denke wir sind uns alle einig, dass die alten Geschlechterrolle überholt und nur noch Nachteilig für unsere moderne Gesellschaft sind. Darüber braucht man gar nicht diskutieren. Und doch gibt es bestimmte Sachen, über die wir (oder vielleicht auch nur ich) nicht hinweg sind. Unterschiede die einfach ein bisschen zu tief verwurzelt sind. Es geht darum, dass ich teilweise komisch angesehen werden, weil ich als Mann Schmuck trage.

Ich trage inzwischen mehrere Armbänder, Ringe und Ketten. (Ich bin zwar nicht Mr. T, aber ich hab ja noch ein paar Jahre. Der Schmuck wird über die Zeit jedenfalls immer mehr. Gott sei Dank sind bisher keine Goldketten dabei!) Es hat einfach angefangen und ich dann über die Zeit immer mutiger geworden und die Anzahl und auch Auffälligkeit ist gewachsen.

„Seit wann trägst du denn Ringe? Und warum?“
„Wie viele Armbänder sollen das denn noch werden?“
„Warte, ist das mehr als eine Kette? Aha. Naja, mach was du willst.“

Solche Kommentare bekommt man schon öfter zu hören. Einige schauen es sich an, seufzen, und entscheiden sich dann es nicht zu kommentieren. Aber den Blick sieht man schon. Und das unterdrücke Augenrollen. Um fair zu sein muss man auch sagen, dass einige einfach: „Schicke Ketten, stehen dir“, sagen und es damit ruhen lassen. Aber es ist doch seltener.

Als ich das erste Mal mit einem Armband auf Arbeit gegangen bin, war ich mir dessen sehr bewusst. Ich hab auf eine Reaktion gewartet. Positiv oder Negativ. Vielleicht ist das für andere einfacher und sie denken gar nicht drüber nach; aber bei mir ist das eben nicht so. Natürlich hat niemand etwas gesagt. Die Augen sind zum Armband gewandert und dann wieder zurück auf den Bildschirm. Ist ja schließlich nur ein Armband. Wen juckt’s?

Und genau das ist der Punkt: Wen juckt’s?

Aber warum musste ich dann mutiger werden und mich erst an den Schmuck herantasten, den ich wirklich tragen wollte? Weil es nun mal in unserer Zeit doch ungewöhnlich ist, dass Männer Schmuck tragen. Und dann auch noch so sichtbar.

Bei der letzten Staffel von Taskmaster war Mawaan Rizwan ein Mitspieler. In einer der ersten Folgen trug er einen buschigen gelben Mantel und hatte die langen Fingernägel passend lackiert. Er sah stark nach Big Bird aus der Sesamstraße aus. Und um ehrlich zu sein, hat es mich zuerst ein wenig davon abgehalten zu sehen, wie witzig er in der Show war. So zieht sich der durchschnittliche Mann eben nicht an. Selbst in Berlin nicht. Ich musste mich tatsächlich erinnern, dass es scheiß egal ist, wie er sich anzieht. Und dann ist es passiert.

Ich hab mich vor der nächsten Folge gefragt, was Mawaan wohl diese Woche anhat und war ein wenig enttäuscht, wenn es „normaler“ war. Und ich bewundere seinen Mut sich vor einem nationalen Publikum in einer der beliebtesten Shows der UK so anzuziehen. Ich wünschte, ich hätte so viel Mut. Ich wünschte, diese Trennung würde in der Gesellschaft nicht mehr so existieren. Als Big Bird würde ich mich zwar dennoch nicht anziehen wollen, aber vielleicht eine Goldkette? („I pity the fool!“ Wer hat das gesagt?)

Nach dieser Sendung bin ich nie wieder ohne Armbänder aus dem Haus gegangen. Ein kleiner Sieg für mich. Danke Mawaan!

Jaja, Schmuck ist nicht wirklich das dringendste Problem unserer Gesellschaft. Oder auch nur ein wichtiges Unterproblem der Geschlechterungleichheit. Aber wenn es einen in seiner Lebensqualität einschränkt – egal in welchem kleinen Maße – sollte man die Sache doch hinterfragen. Hier ging es nur um Mut. Den Mut das zu tragen, was man will. Aber das Prinzip lässt sich natürlich auch auf größere Sachen übertragen.

Und wie man sich selbst darstellt, überträgt sich natürlich auch auf die Art wie man sich wühlt. Stichwort fake it ‚til you make it. Wenn man sich etwas deprimiert fühlt, kann es helfen, sich mutig und wild zu kleiden. Oder diesen Ring zu tragen, der eigentlich viel zu Rock ’n‘ Roll für einen ist. Das kann einem diesen kleinen extra Schub Mut und Selbstvertrauen geben, den man braucht, um etwas wirklich wichtiges im Leben zu erreichen. Den Gehaltsunterschied zu Kollegen beim Chef anzusprechen. Bei unangebrachten Kommentaren mal dagegenzuhalten. Nach einem Date zu fragen. Was auch immer es sein mag.

Sich zu kleiden wie man sich fühlt, bringt den Charakter aus dem Inneren ans Äußere. Du projezierst dich selbst, so dass andere es sehen können. Es macht es so viel einfacher für dich selbst aufzustehen und zu tun oder verlangen, was du wirklich haben willst. Es mag am Anfang vielleicht schwer sein. Am besten klein Anfangen und sich dann steigern.

Und wenn du dir unsicher bist, was andere davon halten werden, denk immer daran: Wen juckt’s? Und wenn es dich juckt, dann zeig ich dir meinen Ring. Warum ich den Ring an meinem Mittelfinger gewählt habe, musst du schon selbst rausfinden.

Cheers

Euer Barista

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